Was macht soziale Innovation aus? Was trägt zum Erfolg von Startups bei?

Ein Gespräch mit Norbert Kunz. 

Er ist Gründer und Geschäftsführer der Social Impact gGmbH, die bundesweit beim Aufbau einer Infrastruktur für soziale Innovationen mitwirkt. „Social Impact Labs“ beraten und befähigen Startups, ihre Idee zur Lösung eines sozialen Problems in ein nachhaltig wirksames Unternehmen zu überführen.  Für sein Engagement erhielt Norbert Kunz unter anderem eine Auszeichnung als Ashoka-Fellow, von der Schwab Foundation als Social Entrepreneur des Jahres 2010 und den Sustainable Entrepreneurship Award.

BT (BERLIN TRANSFER): Sie haben als Bildungspädagoge 1994 das erste bundesweite Modell der Modularisierung der Berufsbildung mitentwickelt. Wie kam es dazu?

NK (Norbert Kunz): Wir wollten sozial benachteiligten Jugendliche, die einen Berufsabschluss erreichen wollten, empowern und ihnen Wege aufzeigen, wie sie ihre Bildungsprozesse selbständig in die Hand nehmen. Ihre Motivationsgrundlage zum Lernen sollte grundlegend verändert werden. Dafür mussten wir das gesamte Curriculum neu schreiben, eine Neuordnung der gesamten Rahmenlehrpläne durchführen, die nicht mehr sequenziell sein würden, wie in der klassischen Schule, sondern wie ein Baukasten, den sich die Jugendliche selbst zusammensetzen, so dass auch Vorerfahrungen anerkannt werden konnten. Der konzeptionelle Ansatz der Modularisierung war erfolgreich und hat sich allgemein durchgesetzt, aber danach ist nicht mehr viel passiert.

BT: Welche Rolle spielt soziale Innovation in Schulen und Berufsschulen?  Schülerfirmen gibt es eher selten…

NK: Leider eine sehr kleine, im klassischen staatlichen Bereich spielt sie noch heute kaum eine Rolle. Ansatzweise eher im Bereich der Freien Schulen. Dort arbeitet man mit Konzepten, die mit unseren Entwicklungskonzepten zur Modularisierung vergleichbar sind und wesentlich zur Motivationsförderung beitragen. Im klassischen Schulbetrieb, einschließlich der Berufsschulen, wohl kaum: da ist man von Innovation ganz weit entfernt.

BT: Wie verbindet sich die Erfahrung von damals mit Ihrer heutigen Arbeit mit Startups?

NK: Diese Erfahrung ist auch die methodische Grundlage unserer Gründungsförderung. Wir schreiben keine Businesspläne für unsere Kund*innen, wir lösen ihre Aufgaben nicht. Wir wollen die unternehmerische Kompetenz der Menschen fördern und sie befähigen, Entscheidungen auch selbständig zu treffen, so wie sie es später als Unternehmer*innen ohnehin tun müssen. Wir zeigen ihnen, wie sie sich diese Kompetenzen aneignen können, um später selbständig zu handeln. 

BT: Was zeichnet soziale Innovation aus?

NK: Es gibt zum Begriff unterschiedliche Deutungen. Wir unterstützen soziale Innovation, die zu neuen Produkten und Dienstleistungen führen, die einen sozialen Mehrwert haben. Und die so bedeutend sind, dass sie bestehende Produkte oder Dienstleistungen überflüssig machen. Gleichwohl gilt auch als soziale Innovation die neue Konstellation von sozialen Beziehungen und neuen Formen der Zusammenarbeit, des Zusammenlebens und des Zusammenwirkens.

BT: Inwieweit spielt Technologie eine Rolle? Gibt es heutzutage Innovation ohne Technologie?

NK: Die neuesten Innovationen unserer Zeit sind Innovationen ohne Technologie, vor allem welche, die im Businessumfeld stattgefunden haben. Bei den Organisationen, die die höchste Aktiensteigerung hatten, z.B. Beispiel AirBnB, gab es keine technologische Innovation: das Innovative lag hier in einer neuen sozialen Interaktion, in der Erkenntnis, dass es auf einer Seite Leute gibt, die bereit sind, Wohn- oder Schlafraum zur Verfügung zu stellen, und auf der anderen Seite es welche gibt, die gerne statt in einem Hotel in einem privaten Umfeld übernachten wollen. Die Erkenntnis des Kundennutzens war die Innovation, nicht die technologische. Bei UBER stand auch keine technologische Innovation dahinter. Eine technologische Erneuerung ist erstmal nur eine Invention. Ob es eine Innovation ist, hängt davon ab, ob diese Invention eine gesellschaftliche Bedeutung bekommt.

BT: Wie erkennen Sie bei Projekten, die sich bei Ihrer Firma vorstellen, ob diese ein Potenzial für soziale Innovation mit sich bringen?

NK: Wir haben Fragen entwickelt, die wir vorab stellen. Erstens: worin besteht die soziale Innovation, welche soziale Wirksamkeit hat sie, wodurch unterscheidet sich diese Innovation von bestehenden Angeboten. Dann:  Wie sich die Gründer*innen die wirtschaftliche Nachhaltigkeit dieser Idee vorstellen. Wir fragen auch, worin die Motivation zur Gründung besteht und welche Kompetenzen die Gründer*innen und ihre Teams mitbringen. Vor der eventuellen Aufnahme in ein Social Impact Lab, werden die Konzepte in einem öffentlichen Pitch vorgestellt, vor einem Gremium, das über die Aufnahme entscheidet und breit gefächert zusammengestellt ist: Dabei sind sowohl Mitglieder von Social Impact als auch Finanzmanager*innen, so wie externe Expert*innen, u.a. aus Stiftungen oder aus anderen sozialen Unternehmen beteiligt.

BT: Was passiert dann, wenn ein Projekt im Lab aufgenommen wird?

NK: In den ersten zwei Monaten beschäftigen wir uns ausschließlich mit der ersten Frage, also mit der Besonderheit des Produktes: Welche Wirksamkeit, welche Anerkennung kann es bei den Kunden erhalten, worin besteht das Potenzial für soziale Innovation. In dieser Zeit beschäftigen wir uns gar nicht mit der Frage, ob es ein Businesskonzept ist. Wir denken, wenn es ein sehr gutes Konzept gibt, was eine hohe soziale Wirksamkeit erzeugen könnte, finden wir auch eine Finanzierungslösung. Aber erst muss uns das Produkt oder die Leistung überzeugen.

BT: Inwieweit spielt die persönliche Motivation eine Rolle im Gelingen von sozialer Innovation?

NK: Es ist ein absoluter Benefit für ein Projekt, wenn die Idee von der persönlichen Überzeugung getragen ist. Wenn wir uns Evaluationen anschauen, stellen wir fest, dass Kunden, die erfolgreich waren und noch am Markt sind, mit ihrer Gründung zufrieden sind, weil sie sich persönlich erfüllt fühlen, selbst wenn es wirtschaftlich nicht optimal gelaufen ist. Die persönliche Betroffenheit ist ein Treiber, der sehr gut funktioniert: Ein Beispiel ist Auticon, eine Firma für die Vermittlung von Asperger Autisten als IT-Fachkräfte - gegründet von einem Mann, dessen Sohn das Asperger Syndrom hat. Mittlerweile ist die Firma in ganz Europa vertreten, mit Hunderten von Mitarbeiter*innen. Der Gründer der Gemüse Ackerdemie ist Biologe, könnte in der Forschung arbeiten. Da er auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, wollte er mit didaktischen Aktivitäten Kindern die Freude am Umgang mit der Natur vermitteln. Umgekehrt haben wir festgestellt, dass Gründungsteams, die zwar schöne Ideen hatten, die aber nicht von einer inneren Motivation getragen waren, - beispielsweise Studenten, die an der Uni zufällig in Arbeitsgruppe zusammengekommen waren –oft auseinandergefallen sind. Aus dem Grund nehmen wir in den Labs keine Student*innen mehr auf.

BT: Wie hoch ist die Erfolgsquote bei den Projekten, die Sie betreuen?

NK: Sie ist sehr hoch: um 70% der Projekte, die wir beraten haben, sind erfolgreich. Wir haben in den Social Impact Labs 50% Frauen und 50% Männer. Frauen sind dabei die besseren Gründer*innen: sie sind empfänglicher für Beratung und Kritik und gehen vorsichtiger und sorgfältiger vor.

BT: Mit welchen Schwierigkeiten haben sozialinnovative Startups zu rechnen? 

NK: Wir haben 450-500 soziale Unternehmen gegründet. Die Hälfte davon sind gemeinnützig, die andere Hälfte sind privatwirtschaftlich, aber mit sozialem Impact. Die gemeinnützigen finden leicht schon in der Startphase Stiftungen, die nach neuen, passenden Ideen suchen. Wir weisen sie aber immer darauf hin, dass sie sich nicht nur auf eine einzige Finanzierungsquelle verlassen dürfen und sehr bald ihre Produkte und Dienstleistungen differenzieren sollten. Für privatwirtschaftliche Startups kommen Stiftungen nicht in Frage. Sie haben also das Problem, die ersten Jahre zu überbrücken. Einige müssen nebenbei einen anderen Job haben, andere nehmen einen Kredit auf, andere noch geben auf.

BT: Wie hat sich Covid19 auf die Startups ausgewirkt, die Sie betreut haben?

NK: Nach den Pandemie-Monaten melden 50-60 % der Startups finanzielle Schwierigkeiten, während für die restlichen Covid19 keine große Wirkung hatte. Die meisten gemeinnützigen Projekte können mit geduldigen Geldgebern rechnen, wie z.B. Stiftungen. Wir wissen aber nicht, wie sich das Volumen der Stiftungs- und CSR-Förderung in den nächsten Jahren infolge der Pandemie verändern wird. Corona-Ersthilfe erhalten wiederum nur Firmen, die gewinnorientiert sind. Projekte, bei denen das öffentliche Interesse im Vordergrund steht und die nicht beweisen können, dass sie in den letzten zwei Jahren Gewinne erzielt haben, erhalten keine Ersthilfe und auch keine Beratungsangebote. Das ist sicherlich ein Problem. Wir haben als Teil einer bundesweiten Initiative ein Forderungspapier an Regierung und Parlament geschrieben, in dem wir gefordert haben, dass die Corona-Hilfen an qualitative Grundsätze gebunden werden: in Bezug auf Nachhaltigkeit, ökologische Verträglichkeit und soziale Sicherung. Das hohe Finanzierungsvolumen zur Abwendung einer ökonomischen Krise böte eine einmalige Chance, um die Wirtschaft im sozialen und ökologischen Sinne zu modernisieren, statt Geld auszugeben, um das alte System zu stabilisieren und aufrechtzuhalten. Öffentliche Investitionen sollten an bestimmte soziale und ökologische Standards gebunden werden. Die Rettung von Unternehmen per se kann für mich kein gesellschaftliches Ziel sein.

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