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Von Innen Nach Außen: In einem Dokumentarfilm geben jugendliche Strafgefangene Einblicke in ihre Lebensgeschichten

Am 19. Juni 2014 fand in der Jugendstrafanstalt Berlin die Premiere des Dokumentarfilms „Von Innen nach Außen“ statt, der im Rahmen des Projekts „Winterreise – HipHopOperFilmTheater“ erstellt wurde. Im Film geben elf männliche jugendliche Strafgefangenen in sieben selbst gedrehten und geschnittenen Dokumentarfilmporträts sehr persönliche Einblicke in ihre Lebensgeschichten. Bei den Videoaufnahmen außerhalb der Gefängnismauern wurden die Strafgefangenen von Schülerinnen und Schülern aus Charlottenburg und Mitte unterstützt, mit denen sie über Videobotschaften „von innen nach außen“ kommunizierten.

Schubert's Liederzyklus „Winterreise“, dessen Texte vom Dichter der Romantik Wilhelm Müller stammen, beschäftigten sich mit Trennung, Einsamkeit, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Hass, Hoffnung auf Freiheit, Heimatsehnsucht, Stolz und Kränkung – Motive, die sich mit den Erfahrungen der Jugendlichen von Ausgrenzung und Migration überschneiden.

Anhand von „Der Wegweiser“, „Frühlingstraum“ und „Rückblick“ beschäftigen sich die Jugendlichen mit Themen, die sie auf ihre eigene Biographie und gegenwärtige Situation anwenden konnten, und finden dabei ihre ganz eigene Stimme und individuellen Ausdruck. Das Ergebnis sind Dokumentarfilmporträts, die intime Einblicke in die Innenwelt der jugendlichen Strafgefangenen zeigen und dem Zuschauer die Welt hinter den Gefängnismauern ein großes Stück weit näher bringen.

Ziel des winterREISE-Projekts ist es, den Jugendlichen nicht nur musisch-kreative Fertigkeiten, sondern auch grundlegende Sozialkompetenzen wie Teamfähigkeit, Durchhaltevermögen, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit beizubringen. Der Zugang zur deutschen „Hochkultur" und interkulturelles Verständnis werden gefördert. Eine Barriere blieb jedoch zunächst bestehen, die der Gefängnismauern. Bald kam die Frage auf „Wie wäre das, wenn ich draußen filmen könnte?“, erzählt die Filmemacherin Sophie Narr, die die Jugendlichen gemeinsam mit dem Regisseur Ralph Etter, bei ihrer Arbeit begleitete und unterstütze. So kam es zu der Idee mit den Filmpartnerschaften mit Berliner Schülerinnen und Schüler aus Schulen in Charlottenburg und Mitte, zu denen die Filmemacher bereits aus früheren Kooperationen Kontakt hatten.

In den Filmporträts erzählen die jugendlichen Strafgefangenen, wie sich das Leben hinter Gittern anfühlt, wie es ist, nicht selbst über sein Leben entscheiden zu können und nicht mehr viel Privatsphäre zu haben: Nicht nur die Mauern bestimmen das Leben im Knast, sondern auch der festgelegte Tagesablauf: Um 6.00 Uhr werden die Strafgefangenen geweckt, bis 15.00 Uhr (13.30 Uhr am Freitag) wird gearbeitet, danach ist Freizeit. Keine eigenen Entscheidungen mehr treffen zu können, sei „die größte Umstellung“ vom Leben in der Freiheit gewesen, erzählt Ahmad, einer der Porträtierten. Sie denken viel über ihre Familien draußen nach. Besonders sein kleiner Neffe fehlt ihm, erzählt Ibo und zeigt auf das Bild eines Babys auf seiner Pinnwand.

Mit großer Offenheit und teils schonungsloser Ehrlichkeit gegenüber sich selbst erzählen die jugendlichen Strafgefangenen ihre Geschichten. Viele davon handeln von mangelnder Anerkennung, Ausgrenzung und falschen Freunden. Besonders bewegend ist die Geschichte von Momo, der Leistungsschwimmer werden wollte, bevor er auf die schiefe Bahn geriet. In seinem Filmporträt beschreibt er, wie sehr es ihn schmerzt, seine Lehrerin enttäuscht zu haben, die an ihn geglaubt und ihn gefördert hat. Ebenfalls sehr eingehend erzählt ist Marcins Filmporträt, in dem er das Schicksal vom Tod eines Freundes verarbeitet: Bei einem Unfall im S-Bahntunnel kam der junge Sprayer ums Leben. Marcin quält sich seitdem mit Schuldgefühlen, da er es war, der ihn zum sprayen gebracht hat.

Unterlegt werden Momos und Marcin Erzählungen durch die Bilder von Schwimmwettkämpfen und Sprayern. Denn um den emotionalen Ausdruck der Filmporträts zu unterstreichen, braucht es die Bilder von „außen“. Hier leisten die Berliner Schülerinnen und Schüler ganze Arbeit und gehen – nach genauen Vorgaben der Insassen in Form von Videobotschaften – mit der Kamera an die Orte, die den jugendlichen Strafgefangenen wichtig sind, und führen Interviews mit Angehörigen und Freunden.

Der Dokumentarfilm „Von Innen nach Außen“ ist Teil des dreijährigen preisgekrönten Projekts winterREISE, im Rahmen dessen männliche, jugendliche Strafgefangene unter Anleitung von MusikerInnen, TänzerinInnen, DramaturgInnen, Theater- und FilmemacherInnen Franz Schuberts romantischen Liederzyklus „Winterreise“ inszenieren. Im Rahmen in sich geschlossener Module von jeweils drei Monaten werden auf Grundlage von neun Liedern des 24-teiligen Liederzyklus Rapsongs, Videos oder Bühneninszenierungen entwickelt. Die Idee für das Projekt kam von Jörn Hedtke alias kronstädta, der bereits Erfahrung aus dem Cross-Over von klassischer Musik und Rap („Hip H’Opera Cosi fan tutti" 2006 an der Komischen Oper Berlin und „Rap der Nibelungen“ 2010 am Stadttheater Freiburg) hat und künstlerischer Leiter des Projekts ist.

Das Gefängnistheater aufBruch – KUNST GEFÄNGNIS STADT gibt es bereits seit 1997. 2011 erhielt aufBruch den Tabori-Förderpreis und 2012 gemeinsam mit der JSA Berlin den 1. Integrationspreis des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf für das Projekt winterREISE. aufBruch ist auch international im European Prison Network aktiv und pflegt Kontakte zu Gefängnistheatermachern in Lateinamerika.

Ziel ist es, eine Brücke von der Welt innerhalb der Gefängnismauern und der übrigen Bevölkerung zu schlagen und eine respektvolle Begegnung zwischen Straftätern und der „unbescholtenen“ Bevölkerung zu ermöglichen.

Auch „Von Innen nach Außen“ wird bald einer größeren Öffentlichkeit zugänglich sein und nach der Wiederöffnung von C/O Berlin (das die SchülerInnen bei der Filmarbeit unterstützt hat) im Amerikahaus zu sehen sein.

Weitere Informationen zum Projekt winterREISE und aufBruch:

http://www.gefaengnistheater.de/aufbruch/
http://winterreise.gefaengnistheater.de/

http://winterreise.gefaengnistheater.de/module/modul-9/

Bildnachweis: http://winterreise.gefaengnistheater.de/module/modul-9/

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