Das Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße in Mariendorf/Marienfelde, Berliner Preisträger des bundesweiten Wettbewerbs „Innovative Netzwerke 2020“

Das Unternehmensnetzwerk Großbeerenstrasse schafft es, mit anspruchsvollen Berufsorientierungskonzepten junge Leute für technische Berufe zu interessieren und die nachhaltige Besetzung von Ausbildungsplätzen zu sichern. Die Einführung von sog. MINTfächern in die frühkindliche Bildung steigert wiederum die Attraktivität der Erzieher*innenausbildung. Letztes Jahr ist das Netzwerk für das Fachkräftesicherungsprojekt „P3 – Potenziale, Planspiele und Praxis“ beim bundesweiten Wettbewerb „Innovative Netzwerke“ ausgezeichnet worden. BT hat mit René Mühlroth gesprochen, im Netzwerkvorstand für die Ausbildung zuständig.

Wie kam es zur Gründung des Netzwerkes Großbeerenstrasse? Welche waren die Bedarfe?

Es gab 2008 eine Anfrage der Wirtschaftsförderung im Bezirk Tempelhof Schöneberg: Für eine effektivere Förderpolitik sollten sich die Unternehmen im Mariendorfer/Marienfelder Industriegebiet, dem zweitgrößten innenstädtischen Gewerbe- und Industriegebiet Berlins, vernetzen und zusammenarbeiten. Von ursprünglich 13 sind wir heute auf über 200 Unternehmen angewachsen. Wir haben 7 verschiedene Arbeitskreise, zu Themen wie Fachkräftesicherung, Ausbildung, Facharbeiterakquise, Standortmarketing, Energie, ressourcenschonendes Wirtschaften und Arbeiten, Digitalisierung und Datenschutz, zum Beispiel.  2015 ist die Integration von Geflüchteten hinzugekommen, mit über 400 geflüchteten Menschen, die wir auf den Weg in Arbeit und Ausbildung begleiten. Viele der Projekte, die wir umsetzen, wie z.B. „Ringpraktikum“, sind nicht standortspezifisch und beziehen mittlerweile auch Unternehmen aus allen Teilen Berlins mit ein.

Wie arbeitet der Arbeitskreis Personal und Ausbildung?

Wir tagen monatlich, die Mitglieder sind sehr aktiv, 90% von ihnen engagieren sich direkt. Wir sind weder ein Verband noch eine Lobby, sondern ein engmaschiges Netzwerk, das synergetische Lösungen sucht. Ein allgemeines Problem ist die Besetzung von Ausbildungsplätzen, mit dem Ziel der Fachkräftesicherung. Zur Berufsorientierung von Jugendlichen gehören Betriebsexkursionen: immer wieder erhalten Unternehmen, die im Arbeitskreis mitmachen, Anfragen von Schulen. Betriebserkundungen von Schülerinnen und Schülern liegen zwar in ihrem Interesse, aber in der Umsetzung machten die Unternehmen immer wieder die Erfahrung, dass diese schlecht vorbereitet waren, dass die Schülerinnen und Schüler überhaupt nicht zu den Betrieben ‚passten‘ und sich langweilten. Eine Nachbereitung blieb auch meistens aus. Eine gute Berufsorientierung ist aber für die Betriebe absolut wichtig, denn sie sichert eine nachhaltige Ausbildungsplatzbesetzung. Wir müssten einsehen, dass wir bis dahin Betriebsführungen machten, als würden wir keine Schülerinnen und Schüler, sondern eine Gruppe chinesischer Investoren durch die Betriebe führen. Die Führungen waren pädagogisch und didaktisch nicht adäquat vorbereitet, und machten so keinen Sinn. Sogar interessierte Schüler verstanden kein Wort, fühlten sich nicht angesprochen und langweilten sich.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Anstatt bloße Führungen anzubieten, haben wir drei Handlungsfelder erkannt, die wir entwickeln wollten: Vorbereitung, Umsetzung, Nachbereitung. Die Vorbereitung sollte dafür sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler eingeladen werden, die tatsächlich zu den Unternehmen passen. Ein Instrument ist die sog. „Potenzialanalyse“, ein Online-Kompetenzfeststellungsverfahren, das in der Regel 4 Klassen der Stufen 9 und 10 involviert. Dazu gehört das „geva-tests® zur Stärken- und Talenterkundung“, um festzustellen, in welchen Berufsfeldern Stärke und Kompetenzen liegen könnten. Diese zu erkennen ist eine Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Matching. Ferner hilft ein Berufsorientierungstest, um Eindrücke über Selbstbild, Engagement, mögliche alternative Interessen und Berufswahlreife der Schülerinnen und Schüler zu gewinnen. Diese Tests werden online durchgeführt, nicht nur in der Corona-Zeit. Wir sind über Zoom zugeschaltet und stehen für Fragen zur Verfügung. Das Assessment wird mit komplexen Übungen ergänzt, die in kleinen Gruppen umgesetzt werden. Während in den Tests die Teilnehmenden Auskunft über sich selbst geben, zählen hier die Eindrücke, die wir bei der Beobachtung der Gruppenübungen gewinnen, zu Aspekten wie Frustrationstoleranz, Regeltreue, Kommunikation, Lösungsentwicklung, Teamfähigkeit u.a.. So ergibt sich ein sehr differenziertes Bild darüber, wer für technische Berufe in Frage kommen könnte, wer für kaufmännische, wer für den sozialen Bereich. Entsprechend teilen wir die ca. 100 Schülerinnen und Schüler auf und bestimmen, wer in welche Betriebsexkursion passt.

Wie finden die Betriebsführungen statt? Sind die Jugendlichen aufgefordert, aktiv mitzumachen?

Zur Vorbereitung der Betriebsexkursion werden die Gruppen zu Planspielen eingeladen, die in Nicht-Corona-Zeiten direkt in den Betrieben stattfinden, nicht online. Dafür haben wir uns an den dualen Ausbildungsplänen orientiert. Es gibt mindestens drei Kernbereiche, die alle Ausbildungsgänge beinhalten, ob im technischen oder im sozialen oder pädagogischen Bereich. Eins ist Projektmanagement:  Egal, wo man arbeitet, ist man teil eines Projektteams. Da muss man verstehen, wie Projekte grundsätzlich funktionieren und die Spielregeln kennen. Auch Prozessmanagement, z.B. bei Arbeitsorganisation und Qualität, ist sehr wichtig: viele Unternehmen sind zertifiziert und müssen entlang von Prozessen arbeiten, egal in welchem Bereich sie aktiv sind. Drittens: Kaufmännische Grundlagen, um zu vermitteln, wie man mit Ressourcen und Arbeitszeit effektiv umgeht.

Wie ist es möglich, so viele Kenntnisse in solch einer zeitlich komprimierten Form zu vermitteln?

Wir schlagen für jeden dieser drei Bereiche ein Planspiel vor. Für Projektmanagement soll ein Team von Schülerinnen und Schülern eine Feuerschutz-Wasseranlage bauen, nachdem sie von uns Grundlagen im Projektmanagement erhalten haben. Dafür gibt es zwei Schultage Zeit. Verschiedene Teams realisieren arbeitsteilig das Projekt, mit parallelen Arbeitsschritten. Wichtig ist: Für jedes Planspiel kommen 7 oder 8 Schlüsselbegriffe immer wieder vor, die verinnerlicht werden: u.a. Gantt-Diagramm, Arbeitspaket, Zeitpuffer und Meilensteine. Diese kommen später bei der Betriebsexkursion nochmals vor, und die, die die Führung machen, wissen, dass die Jugendlichen, die auf der Grundlage der Planspiele ‚gematcht‘ und zur Exkursion eingeladen wurden, mit diesen Begriffen vertraut sind, und können diese Begriffe praxisbezogen verwenden.

So ergibt sich eine ganz andere Ebene der Erfahrung: man erkennt Dinge wieder, der Erkennungswert bei den Schülerinnen und Schülern ist sehr groß. Ein weiteres Projektmanagement-Planspiel ist eine Kugelschreiberfabrik, die so wie im 19. Jahrhundert organisiert ist. Die Jugendlichen entwickeln durch verschiedene Optimierungsschritte eine hochmoderne Produktionsweise. In jeder Spielrunde kritisieren die Schülerinnen und Schüler, was dort falsch läuft, schlagen Lösungen vor, und im nächsten Schritt berücksichtigt man, in welchem Verhältnis die Schritte zu den Kosten stehen, die sie verursachen, und entscheidet man, welcher Optimierungsschritt sich lohnt.

Ein weiteres Planspiel ist das „Factory“ Brettspiel: hier geht nicht darum, die andere Firma platt zu machen, sondern man spielt zusammen, um zu verstehen, wie Kosten entstehen, wie sich ein Preis bildet, wie ein Produkt an Wert zunimmt, wie die Arbeit, die notwendig dafür ist, auch einen Wert bekommt. Außerdem: wie nimmt man einen Kredit, was sind Steuern, was sind Dividenden, wie man es überhaupt mit Investitionen macht, usw. Diese drei Planspiele werden in den Betriebsexkursionen je nach Schwerpunkt immer wieder aufgegriffen. Natürlich werden dabei auch die üblichen Informationen über den Betrieb vermittelt, wie bei einer normalen Führung, aber so ist es möglich, tiefer einzusteigen, um konkreter zu vermitteln, wie dort gearbeitet wird. Da merkt man sofort, wer Feuer fängt, und es kommt zum Matching und Praktika werden vereinbart.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Schulen?

Durch diese zwei Phasen, Potenzialanalyse und Planspiele, kommen wir sehr in Kontakt mit den Schulen und dem Lehrpersonal, und sind aktiver Teil des Orientierungsprozesses. Zusammen fangen wir an, nachzudenken, wie gute Berufsorientierung sinnvoll stattfinden kann. Das ist sehr wichtig, zumal Berlin mit seinen ca. 35% Ausbildungsabbrüchen in der dualen Ausbildung bundesweit in Punkto Ausbildung das Schlusslicht ist. Und da muss man sich klar machen, spätestens nach zwei Ausbildungsabbrüchen lässt es ein kleines Unternehmen sein, weil vor allem das erste Ausbildungsjahr sehr kostenintensiv ist. Dann wird eher versucht, mit hohen Gehaltversprechungen bereits ausgebildetes Fachpersonal zu akquirieren.

Hat das 3P-Projekt bislang messbaren Erfolg gehabt?

Unterschiedlich: einige der Betriebe in unserem Netzwerk bilden nicht aus, die meisten anderen engagieren sich wiederum sehr, so ist es ein Vorteil für alle, weil die Betriebe Probleme haben, Auszubildende zu finden, und unser Netzwerk bietet Unterstützung, so dass sie es schaffen, die Ausbildungsplätze zu besetzen. Ausbildungsabbrüche gibt es auch hier, aber weit unter dem Berliner Durchschnitt. Wir haben auch ein Mentoringprojekt, das nicht defizit-, sondern förderorientiert ist. Aufgrund der demographischen Entwicklung gibt es einen gravierenden Fachkräftemangel. Sehr gut ausgebildete Jugendliche können sie so -verglichen zu früher- sehr schnell Karriereschritte machen und Verantwortung übernehmen: das liegt im Interesse der Betriebe. Dazu muss man sagen, unsere Zielgruppe beim Recruiting sind nicht die ‚Selbstläufer‘. Da ist der Wettbewerbsdruck zu groß: Wir konkurrieren mit den großen Unternehmen, wie Siemens oder den städtischen Betrieben, die sehr bekannt sind. Wir sind klein und wenig bekannt. Wir setzen daher auf Jugendliche, die als benachteiligt gelten, die in der Schule nicht glänzen, keine große Unterstützung von der Familie erfahren und Betreuung brauchen, um ihren Weg zu finden. Wir haben als Netzwerk einen eigenen Sozialarbeiter angestellt, damit die typischen Probleme der Jugendlichen von heute nicht so eskalieren, dass es zum Ausbildungsabbruch kommt.

Wie konnten Sie ein so komplexes Berufsorientierungsprojekt mit Schulen im Lockdown umsetzen?

Während die Potenzialanalyse und zum Teil auch die Planspiele online stattfinden konnten, mussten wir für die Betriebsexkursionen online-Lösungen entwickeln. Gemeint sind nicht die üblichen Video-Präsentationen, sondern mobile, interaktive online-Betriebsexkursionen, bei denen Schülerinnen und Schüler über Zoom verbunden sind und alles nachvollziehen können, als seien sie vor Ort, und jede Zeit Fragen stellen können. Wer die Führung macht, kann mit der Kamera auch die kleinsten Details zeigen und erläutern. Das ist technisch machbar, aber inhaltlich sehr anspruchsvoll und von den Unternehmen nicht immer erwünscht. 

Sie sprechen vor allem benachteiligte Jugendliche an. Diese hatten am meisten Probleme, Online-Unterricht oder andere Angebote wahrzunehmen. Konnten Sie sie unterstützen?

Das in diesem Jahr oft angesprochene Thema ‚Bildungsgerechtigkeit‘ hat uns sehr beschäftigt, gerade weil wir diese Jugendlichen nicht aufgeben möchten. Wir haben Chromebooks und Surfsticks verteilt, damit die Auszubildenden am online-Unterricht teilnehmen konnten, und denen, die zu Hause über keine adäquate Lernumgebung verfügten, haben wir Büros, Seminar- und Besprechungsräume, die im Lockdown wg. Homeoffice leer standen, für drei Stunden am Tag zur Verfügung gestellt. Der Sozialarbeiter ging dann durch die Räume und schaute, ob die Schülerinnen und Schüler wirklich lernten. Zusätzlich haben wir Lehrstudenten engagiert, die Mathe, Deutsch und Englisch im Online-Unterricht angeboten haben.

Ihr Kerngeschäft ist technisch-gewerblich. Wie ist es zur Kooperation mit dem Verband der Kleinen und Mittelständischen Kita-Träger gekommen?

Auszubildende für den Beruf der Erzieherinnen und Erzieher zu finden, ist in den letzten Jahren immer schwerer geworden. Aber auch für technische Fächer gibt es immer wenig Begeisterung; andere Berufsbilder haben es sicherlich einfacher. Wir sind zum Schluss gekommen, dass sog. MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) schon in der frühkindlichen Bildung eine größere Rolle spielen sollten. Es sollte in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern mehr auf MINT-Fächer gesetzt werden, so dass sie in der Lage sind, schon in der frühkindlichen Bildung Begeisterung für Wissenschaft und Technik zu stiften. Für kleine oder mittelständische Unternehmen ist so was zu leisten eine Herausforderung, aber das Netzwerk hat mehr Ressourcen. Die Wissensfabrik Unternehmen für Deutschland liefert für die frühkindliche Bildung in diesen Bereichen tolle didaktische Konzepte wie NaWi und KiTec (Kinder und Technik). Wir haben die Mittel gestellt und Ehrenamtliche gesucht, die diese Konzepte in Kita und Grundschulen umsetzen. Es war aber immer schwieriger und aufwendiger, welche zu finden und zu steuern; Dozenten und Dozentinnen dafür zu engagieren, wäre aber einfallslos gewesen. So sind wir zur „Train The Trainer“- Lösung gekommen, mit Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klasse, die sich für Erziehungsberufe interessieren. Diese setzen gegen eine Ehrenamtspauschale diese Konzepte in Kitas und Grundschulen um, die im Netzwerk mitmachen. So haben wir Kinder und Erzieher*innen in Kitas und Schulen mit MINT-Themen in Verbindung gebracht, denn in Kitas hat das Personal meist selbst Schwierigkeiten mit MINT-Fächern: diese finden auch aus dem Grund nicht statt. Jugendliche entwickeln wiederum dadurch Interesse für MINT-Fächer, weil sie in der Umsetzung in Kitas und Grundschulen merken, dass diese Fächer nicht so trocken sind, wie im Schulunterricht, sondern dass sie Spaß machen können. Und das wertet wiederum den Beruf der Erzieherinnen und Erzieher auf und macht Ausbildungsplätze in diesem Bereich attraktiver. 

Haben Sie für diese Projekte öffentliche Mittel erhalten? 

Am Anfang ja, denn von der groben Idee bis zur Konzeptentwicklung brauchten wir mehr Ressourcen als die, über die wir als Netzwerk verfügen. Deswegen nutzen wir manchmal die ESF-Förderung als ‚Starthilfe‘. „P3“ ist damals von der IHK gefördert worden: aus dem Einnahmenüberschuss der Mitgliederbeiträge wurden verschiedene Bildungsprojekte gefördert; bei „P3“ wurde die Konzeptentwicklung, die Umsetzung mit 400 Schülerinnen und Schülern und die Evaluation finanziert. Das Projekt haben wir mit zwei weiteren Netzwerken umgesetzt, dem Technologiepark Humboldthain und dem Technologiepark Moabit, mit denen wir verbunden sind. Wenn wir Fördermittel in Anspruch nehmen, stellen wir unseren Mitgliedern eine Bedingung: Wenn das Projekt erfolgreich ist, verpflichten wir uns, auch ohne Fördermittel weiterzumachen. Deswegen muss der Rahmen realistisch sein, so dass Projekte später ohne Förderung, nur mit den eigenen Ressourcen stemmbar sind. Fast alle unsere Projekte sind am Anfang mit ESF-Mitteln gefördert worden: u.a. das „Ringpraktikum“, der Weiterbildungsverbund und „Diversity im Unternehmen“. „Ringpraktikum“ läuft schon seit 10 Jahren ohne Förderung, „P3“ seit 7 oder 8 Jahren auch. Projekte werden also nachhaltig im Unternehmensnetzwerk umgesetzt, auch ohne Fördergelder, und werden zu Praxis. Das ist für uns sehr wichtig.

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