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Soziale Innovationen

Arbeitsmarktintegration durch Co-Creation: Die Fundacíon Ana Bella unterstützt von häuslicher Gewalt betroffene Frauen

Die Fundacíon Ana Bella unterstützt Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben, im Rahmen eines Peer-to-Peer-Ansatzes und Co-Creation-Prozesses. Ziel ist die (Re-) Integration der betroffenen Frauen in den Arbeitsmarkt, die die Fundacíon Ana Bella in einer Kooperation mit Unternehmen, insbesondere Danone, erreicht. Ashoka Fellow Ana Bella Estevez – die selbst lange unter häuslicher Gewalt litt –  erhielt beim diesjährigen Vision Summit einen Vision Award, mit dem besonders erfolgreiche Co-Creation Projekte, d.h die Zusammenarbeit verschiedener Sektoren,  ausgezeichnet werden.

Eine von drei Frauen wird Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt. In Deutschland berichteten laut einer EU-weiten Umfrage der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) 22 % der befragten Frauen, bereits Opfer häuslicher Gewalt geworden zu sein.

Auch Ana Bella Estevez litt elf Jahre lang unter ihrem gewalttätigen Ehemann bevor sie im September 2001 den Mut aufbrachte, ihren Mann mit ihren vier Kindern zu verlassen und zur Polizei zu gehen. Einen Schritt, den nicht viele der betroffenen Frauen wagen: Nur 14 % zeigen den schwerwiegendsten Vorfall von Gewalt in Partnerschaften der Polizei an. Häusliche Gewalt wird damit zum unsichtbaren Problem, über das nicht gesprochen wird. „Nicht einmal meine Familie wusste Bescheid“, erzählt Ana Bella Estevez. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, wandte sie sich nicht nur an die Polizei, sondern auch die Öffentlichkeit, um anderen betroffenen Frauen Mut zu machen. 2002 erschien sie im spanischen Fernsehen – nicht als Opfer, wie sie stets betont, sondern als „survivor“, als Überlebende, die ihre Stärke unter Beweis gestellt hat. Sie findet, dass sich das Bild von Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben, in den Medien ändern muss. Denn werden die Frauen in ihrer Rolle als Opfer, als geschlagene Frauen, mit blauen Flecken und verdeckten oder weinenden Gesichtern gezeigt, ergibt sich ein negatives Bild, das anderen betroffenen Frauen kaum Mut machen wird, sich ebenfalls an die Polizei zu wenden.

Auf ihren Fernsehauftritt hin meldeten sich zahlreiche andere betroffene Frauen und die Idee zur Gründung eines Peer-to-Peer Netzwerks war geboren. Ana Bella Estevez setzte sich mit anderen Betroffenen in Kontakt und half Frauen, die ihre gewalttätigen Ehemänner verlassen hatten. Diese informelle Unterstützung führte 2006 schließlich zur Gründung der Fundacíon Ana Bella, die mittlerweile ein Netzwerk von 120 „Überlebenden“ umfasst, die pro Jahr etwa 1200 Frauen helfen, das Schweigen zu brechen und ein neues, glücklicheres Leben zu beginnen. Außerdem wird eine breite Sensibilisierungs- und Präventionskampagne verfolgt und die Arbeitsintegration der Frauen im Rahmen strategischer Kooperationen mit Unternehmen unterstützt.

Das Netzwerk bietet den betroffenen Frauen niedrigschwellige Angebote: Über den  Zugang zu einer Whatsapp-Gruppe beispielsweise können sich Betroffene mit den „survivor women“ austauschen und sich von diesen bestärken lassen, den wichtigen Schritt zu tun und ihren Mann zu verlassen. Mittlerweile ist – mit Unterstützung der Trafigura Foundation – die weltweite Ausweitung des Angebots über eine Online-Plattform und App geplant, um Frauen in aller Welt zu erreichen. Denn ehemals Betroffene wie Ana Bella Estevez verstehen die Lage der Frauen und können sie in der ersten Zeit, nachdem sie ihren Mann verlassen haben, unterstützen. Einmal rief eine betroffene Frau weinend bei Ana Bella Estevez an, nachdem sie vor ihrem Mann geflohen war, der mit einem Schraubenzieher auf sie losging. Sie klagte, wie sehr sie ihren Mann vermisse. „Keiner versteht das, der nicht selbst einmal in dieser Lage war“, erklärt Ana Bella Estevez, die die Frau darin bestärkte, durchzuhalten und nicht zu ihm zurückzugehen.

 

Von „Opfern“ zu „Überlebenden“ durch Arbeitsmarktintegration

Ana Bella Estevez will den Frauen helfen, ihre Stärken als Überlebende herauszustellen, um ihnen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Denn eine fehlende Arbeit oder Ausbildung und ein nach jahrlanger Unterdrückung häufig fehlendes Selbstbewusstsein erschweren den Schritt, einen gewalttätigen Ehemann zu verlassen.

Angefangen hat die Sozialunternehmerin mit einem Catering Service, mit dem sie rund 30 Frauen beschäftigen konnte. Durch Ashoka kam die Zusammenarbeit mit Danone zustande und seit einem Testdurchlauf 2011 wurden 210 Frauen zu Danone-Markenbotschafterinnen ausgebildet. Wichtig war Ana Bella, dass die Frauen ihr Potential entfalten können und in einem sichtbaren und gesellschaftlich anerkannten Beruf ausgebildet werden. Als Markenbotschafterinnen sollen sie nicht im Sinne der positiven Diskriminierung, sondern aufgrund ihrer persönlichen Qualitäten und Stärke als „Überlebende“ eingestellt werden. Nicht nur Ana Bella Estevez, auch Danone ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden: Das Feedback zur Arbeit der neuen Markenbotschafterinnen ist zu 97% positiv und die Escuela Ana Bella (Ana Bella Social School for Women Empowerment) wurde gemeinsam mit Momentum Task Force (als Outsourcing-Partner) als bester Dienstleister 2012 ausgezeichnet.

Die Frauen erreichen durch den Job wirtschaftliche Unabhängigkeit und stärken ihr  Selbstbewusstsein. Um ihre persönlichen Stärken zu erkennen, erhalten sie neben der Weiterbildung durch die Escuela Ana Bella auch Coachings. Die Tätigkeit als Markenbotschafterin erweist sich dabei dann häufig als Einstiegsjob: Eine der Markenbotschafterinnen z.B. eröffnet nun ihr eigenes Restaurant. Dadurch soll auch eine „positive Fluktuation“ von mind. 30% erreicht werden, d.h. die Frauen wenden sich nach Ende ihres Vertrages bei Danone einer neuen beruflichen Herausforderung zu. So sollen mehr Frauen die Möglichkeit der Ausbildung zur Markenbotschafterin als Sprungbrett für die berufliche Weiterbildung erhalten.

Ein weiterer wichtiger Effekt der Markenbotschafterinnen: „Eine 'Überlebende' hat ein Auge für die halbversteckten blauen Flecken anderer Betroffener. Sie erkennt eine misshandelte Frau in der Supermarktschlange und kann sie darauf ansprechen“, erklärt Ana Bella. 

Auch bei ihrer breiten Öffentlichkeitsarbeit setzt die Fundacíon Ana Bella  auf  „Testimonios Positivos“, ehemals von häuslicher Gewalt betroffene Frauen die anderen Frauen mit ihrem positiven Beispiel Mut machen, das Schweigen zu brechen. Das Beispiel der Supermarktschlange zeigt, dass die „Überlebenden“ – ganz ohne große Kampagnen – die Gesellschaft von innen heraus verändern können – gibt man ihnen denn die Chance dazu.

 

Weitere Informationen: http://www.fundacionanabella.org/

Kontakt Ana Bella Estevez: anabella[at]fundacionanabella.org

Mehr zum Co-Creation Ansatz der Fundacíon Ana Bella, Danone und Momentum Task Force: http://www.changemakers.com/discussions/entries/ana-bella-social-school-women-empowerment

 

Text: Nina Roßmann

Bildnachweis: Vision Summit

 

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